Argumentenanalyse in der Wissenschaft

Argumentenanalyse in der Wissenschaft

Argumente sind das Fundament wissenschaftlicher Praxis. Eine präzise Argumentenanalyse schafft Klarheit, vermeidet Denkfehler und stärkt die Glaubwürdigkeit – überall dort, wo logische Strenge, Transparenz und intellektuelle Redlichkeit gefordert sind.

Anwendbar in: Hausarbeiten · Bachelor- und Masterarbeiten · Dissertationen · wissenschaftlichen Artikeln · Gutachten

Veröffentlicht: 18. August 2025
Aktualisiert: 18. August 2025, 13:13 Uhr
Mathias Ellmann

Mathias Ellmann – Autor und Dozent für IT-Kompetenz & Gesellschaft. Mehr auf mathiasellmann.de

Einführung: Warum Argumentenanalyse?

In der Wissenschaft sind Argumente das Fundament jeder Arbeit: Sie verbinden Daten, Theorien und Ergebnisse zu nachvollziehbaren Schlussfolgerungen. Eine präzise Argumentenanalyse ermöglicht es, Thesen klar zu erkennen, Fehlerquellen zu vermeiden und überzeugende Urteile zu fällen. Sie ist unverzichtbar – von der Hausarbeit über Bachelor- und Masterarbeiten bis hin zur Dissertation, zu wissenschaftlichen Artikeln und Gutachten.

Argumentation erfüllt eine doppelte Funktion: Sie begründet Erkenntnisse und sie überzeugt die Fachgemeinschaft. Wer Argumente sauber darstellt, signalisiert methodische Strenge, Transparenz und intellektuelle Redlichkeit. Unklare oder fehlerhafte Argumente schwächen nicht nur eine Abschlussarbeit, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Artikeln, Gutachten oder ganzen Forschungsprojekten.

Argumentenanalyse ist mehr als Sprache: Sie ist ein Werkzeug kritischen Denkens, das hilft, Komplexität zu ordnen und Rationalität in Diskussionen zu sichern. Durch das Erkennen von Argumenttypen, das Prüfen logischer Strukturen und das Reflektieren von Denkfehlern entsteht die Grundlage für fundierte Urteile – sei es im Seminar, in Publikationen, bei Peer Reviews oder in Dissertationsverteidigungen.

Kernaussage: Wer Argumente versteht und analysiert, kann bessere Texte schreiben, überzeugendere Vorträge halten, reflektiertere Entscheidungen treffen und wissenschaftliche Arbeiten – von der Hausarbeit bis zum Gutachten – auf ein solides Fundament stellen.

Typen von Argumenten

In der Wissenschaft dienen Argumente dazu, Erkenntnisse nachvollziehbar zu begründen. Sie zeigen, wie von Beobachtungen, Daten oder Theorien auf Schlussfolgerungen geschlossen wird. Drei Grundtypen lassen sich unterscheiden – je nach Stärke der Verbindung zwischen Prämissen und Schlussfolgerung.

Deduktive Argumente

Wenn die Prämissen wahr sind und die logische Struktur gültig ist, muss auch die Schlussfolgerung wahr sein. Deduktion liefert Gewissheit und ist typisch für Mathematik, Logik und Informatik.

Induktive Argumente

Hier machen die Prämissen die Schlussfolgerung wahrscheinlich, aber nicht zwingend. Induktion ist zentral für empirische Wissenschaften.

Abduktive Argumente

Abduktion bedeutet, aus mehreren möglichen Erklärungen die plausibelste zu wählen. Sie ist wichtig für Hypothesenbildung und Forschungsschlüsse.

Merksatz: Deduktion liefert Gewissheit, Induktion Wahrscheinlichkeit, Abduktion plausible Hypothesen.

Wie prüft man Argumente? – Die 6 Schritte

  1. Schlussfolgerung identifizieren
  2. Prämissen identifizieren
  3. Nebensächlichkeiten eliminieren
  4. Querverweise entfernen
  5. Widersprüchliche Terminologie vermeiden
  6. Unterdrückte Prämissen ergänzen

Typische Denkfallen: Kognitive Verzerrungen

Kernaussage: Argumenttypen liefern die Struktur, die 6 Schritte machen sie prüfbar, und das Wissen um kognitive Verzerrungen schützt davor, sich selbst zu täuschen.

Deduktive Argumente

Deduktive Argumente sind die strengste Form wissenschaftlicher Begründung: Wenn die Prämissen wahr sind und die logische Struktur korrekt ist, muss die Schlussfolgerung wahr sein. Damit liefern sie Gewissheit – unter der Bedingung, dass keine Prämisse fehlerhaft oder unvollständig ist.

Vorteile

Nachteile

Typen deduktiver Argumente

Die 6 Schritte angewandt

  1. Schlussfolgerung identifizieren: „Kupfer leitet Strom.“
  2. Prämissen identifizieren: „Alle Metalle leiten Strom. Kupfer ist ein Metall.“
  3. Nebensächlichkeiten eliminieren: irrelevante Zusatzinfos (z. B. Farbe oder Dichte von Kupfer) weglassen.
  4. Querverweise entfernen: Definitionen klären (z. B. „Metall“, „Strom leiten“).
  5. Widersprüchliche Terminologie vermeiden: konsistente Begriffe verwenden.
  6. Unterdrückte Prämissen ergänzen: z. B. „Kupfer gehört tatsächlich zur Klasse der Metalle“.

Kognitive Verzerrungen bei Deduktion

Bewertung deduktiver Argumente

Beispiele aus Disziplinen

Merksatz: Deduktive Argumente sind die „sichere Bank“ der Wissenschaft – logisch unerschütterlich, aber nur so stark wie ihre Prämissen.

Induktive Argumente im Detail

Induktive Argumente verallgemeinern von Einzelfällen auf allgemeine Aussagen. Sie liefern keine absolute Gewissheit, sondern Wahrscheinlichkeiten. Damit sind sie das Rückgrat empirischer Forschung – von Naturwissenschaften bis zu Sozial- und Geisteswissenschaften.

Vorteile

Nachteile

Typen induktiver Argumente

Die 6 Schritte angewandt

  1. Schlussfolgerung identifizieren: „Das Verfahren ist wahrscheinlich wirksam.“
  2. Prämissen identifizieren: „In 10 von 12 Studien war das Verfahren erfolgreich.“
  3. Nebensächlichkeiten eliminieren: irrelevante Details zu Studienbedingungen weglassen.
  4. Querverweise entfernen: Klarstellen, was „wirksam“ bedeutet (z. B. messbare Verbesserung eines Symptoms).
  5. Widersprüchliche Terminologie vermeiden: Begriffe wie „effektiv“ und „wirksam“ konsistent nutzen.
  6. Unterdrückte Prämissen ergänzen: z. B. „Die 12 Studien sind methodisch solide und vergleichbar.“

Kognitive Verzerrungen bei Induktion

Bewertung induktiver Argumente

Beispiele aus Disziplinen

Merksatz: Induktive Argumente sind stark, wenn Datenbasis und Methode solide sind – sie bleiben aber immer Wahrscheinlichkeitsaussagen.

Abduktive Argumente im Detail

Abduktive Argumente zielen darauf ab, aus mehreren möglichen Erklärungen die plausibelste auszuwählen. Sie liefern weder logische Gewissheit (wie Deduktion) noch Wahrscheinlichkeiten (wie Induktion), sondern Hypothesen, die als „beste Erklärung“ dienen. Abduktion spielt eine zentrale Rolle in der Hypothesenbildung, Fehlerdiagnose und im kreativen Forschen.

Vorteile

Nachteile

Typen abduktiver Argumente

Die 6 Schritte angewandt

  1. Schlussfolgerung identifizieren: „Die plausibelste Erklärung für das Symptom ist eine Infektion.“
  2. Prämissen identifizieren: „Patient:in zeigt Fieber und Husten.“
  3. Nebensächlichkeiten eliminieren: irrelevante Details wie Kleidung oder Tageszeit ausblenden.
  4. Querverweise entfernen: klar definieren, was unter „Infektion“ verstanden wird.
  5. Widersprüchliche Terminologie vermeiden: nicht zwischen „Erkältung“ und „Infektion“ wechseln.
  6. Unterdrückte Prämissen ergänzen: z. B. „Fieber und Husten sind typische Symptome einer Infektion.“

Kognitive Verzerrungen bei Abduktion

Bewertung abduktiver Argumente

Beispiele aus Disziplinen

Merksatz: Abduktion ist die Logik der besten Erklärung – sie liefert keine Sicherheit, aber oft den entscheidenden Startpunkt für neue Erkenntnisse.

Anwendung in wissenschaftlichen Arbeiten

Die Kombination aus Argumenttypen, Bewusstsein für kognitive Verzerrungen und den 6 Schritten der Argumentenanalyse bietet Studierenden und Forschenden einen klaren Leitfaden. So entstehen stringente Hausarbeiten, fundierte Bachelor- und Masterarbeiten, methodisch reflektierte Dissertationen, präzise wissenschaftliche Artikel und nachvollziehbare Gutachten.

Nutzen in verschiedenen Arbeitsphasen

Typische Fehlerquellen

Checkliste für die Praxis

  1. Argumenttyp: Welche Art von Argument (deduktiv, induktiv, abduktiv) nutze oder bewerte ich gerade?
  2. Schlussfolgerung: Ist sie klar formuliert?
  3. Prämissen: Sind alle explizit, präzise und überprüfbar?
  4. Konsistenz: Habe ich Nebensächlichkeiten eliminiert und Begriffe eindeutig definiert?
  5. Verzerrungen: Wo könnten kognitive Biases (z. B. Bestätigungsfehler) meine Bewertung beeinflussen?
  6. Vollständigkeit: Ist das Argument nach den 6 Schritten geprüft und dokumentiert?

Kernaussage: Argumentenanalyse ist nicht nur ein Werkzeug für das eigene Schreiben, sondern auch für die kritische Begutachtung wissenschaftlicher Arbeiten. Wer sie methodisch anwendet, stärkt die Qualität von Texten, Artikeln und Gutachten gleichermaßen.

Reaktivität, Proaktivität und das PROACT-Modell

Die 6 Schritte der Argumentenanalyse zeigen, wie Argumente systematisch geprüft werden können. Ebenso wichtig ist jedoch die Haltung, mit der wir in Analyse und Diskussion eintreten. Hier hilft die Unterscheidung von reaktivem und proaktivem Verhalten sowie das PROACT-Modell als strukturierter Leitfaden für reflektierte Entscheidungen.

Reaktivität vs. Proaktivität

Reaktivität bedeutet, primär auf äußere Einflüsse zu reagieren. Typisch sind die „4 C“ nach Stephen Covey: Criticising (Kritisieren), Comparing (Vergleichen), Competing (Konkurrieren) und Complaining (Klagen). Dieses Muster bindet Energie, verengt den Blick und schwächt die argumentative Klarheit.

Proaktivität nach van Stappen hingegen beschreibt die bewusste Orientierung an eigenen Werten und Zielen sowie den Fokus auf den eigenen Einflussbereich. Sie basiert auf vier Kernfähigkeiten:

Das PROACT-Modell

Komplexe Entscheidungen und Argumentationen profitieren von einer klaren Struktur. Das PROACT-Modell bietet hierfür acht Schritte:

  1. Problem definieren: das eigentliche Entscheidungsproblem klar benennen.
  2. Objectives (Ziele) klären: Ziele präzise und nachvollziehbar (z. B. SMART) formulieren.
  3. Alternatives entwickeln: mehrere Handlungsmöglichkeiten systematisch erarbeiten.
  4. Consequences abwägen: die Folgen jeder Alternative analysieren.
  5. Trade-offs erkennen: Vor- und Nachteile bewusst gegeneinander abwägen.
  6. Unwägbarkeiten berücksichtigen: Risiken und Unsicherheiten einbeziehen.
  7. Risikobereitschaft prüfen: eigene Präferenzen zwischen Sicherheit und Innovation reflektieren.
  8. Langfristige Folgen bedenken: Auswirkungen auf künftige Entscheidungen einordnen.

Kernaussage: Die Argumentenanalyse prüft die logische Struktur, die proaktive Haltung stärkt die argumentative Qualität, und das PROACT-Modell gibt Orientierung bei komplexen Entscheidungen. Zusammen bilden sie ein Instrumentarium, das Klarheit, Rationalität und wissenschaftliche Redlichkeit gleichermaßen fördert.

Gute wissenschaftliche Praxis & Ethik: Leitplanken für Methode und Verantwortung

Methoden wie Argumentenanalyse, Proaktivität und das PROACT-Modell erhöhen die Qualität von Entscheidungen und Forschung. Doch ohne ethische Haltung können sie missbraucht werden – zur Manipulation, Machtsicherung oder Verzerrung von Ergebnissen. Der DFG-Kodex zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis formuliert dafür klare Standards, die auch über den engeren Forschungsbereich hinaus Orientierung geben.

1) Zentrale Leitlinien des DFG-Kodex

2) Praktische Selbstprüfung (abgeleitet aus dem Kodex)

Vor, während und nach Analyse- oder Entscheidungsprozessen:

3) Mini-Kodex für verantwortliche Anwendung

4) Praxis-Checkliste (1-Minute-Ethik)

  1. Würde: Wird jemand hier als bloßes Mittel behandelt?
  2. Gerecht: Würde ich diese Regel akzeptieren, wenn ich selbst in der schwächsten Position wäre?
  3. Offen: Könnte ich meine Gründe öffentlich vertreten – auch vor Betroffenen?
  4. Alternativen: Gibt es eine gleich wirksame, weniger schädliche Option?
  5. Langfrist: Welche Signale setze ich für Kultur, Vertrauen und künftige Praxis?

Kernaussage: Methoden entfalten nur dann ihre volle Kraft, wenn sie im Rahmen guter wissenschaftlicher Praxis angewendet werden. Der DFG-Kodex liefert verbindliche Leitplanken: Integrität, Transparenz, Fairness, Verantwortung und Revisionskultur.

5) Verbindung zu Proaktivität & PROACT

6) Analogie: Fehlende Ethik als Tragödie

Literarisch zugespitzt zeigt Bernarda Albas Haus, wie Kontrolle, Schweigen und Machtmissbrauch ein System zerstören, wenn ethische Leitplanken fehlen. Genau dem soll die gute wissenschaftliche Praxis vorbeugen: Sie schafft eine Kultur, in der Rationalität, Verantwortung und Würde Vorrang haben.

Fachliteratur & Konzepte

  1. Szudek, Anna; Baiasu, Sorin; Talbot, Michael; Fletcher, Richard; Weeks, Marcus (2020). #dkinfografik – Philosophie im Alltag: Vom Wahrnehmen, Erkennen und Entscheiden. Dorling Kindersley, München.
    Relevanz: Visualisiert Denk- und Entscheidungsprozesse und führt die 6-Schritte-Argumentenanalyse kompakt ein – direkte Grundlage für die Kapitelstruktur.
  2. Weeks, Marcus (2019). Kernfragen Philosophie. Dorling Kindersley, München.
    Relevanz: Systematische Einführung in Logik, Argumente und Begriffsarbeit – Stütze für die Abschnitte zu Deduktion/Induktion/Abduktion.
  3. Weeks, Marcus (2019). Kernfragen: Psychologie. Dorling Kindersley, München.
    Relevanz: Verständliche Darstellungen zu Wahrnehmen, Urteilen und kognitiven Verzerrungen – Basis für die Bias-Übersicht.
  4. Kahneman, Daniel (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag.
    Relevanz: Primärquelle zu System-1/-2-Denken, Heuristiken und Bias – unentbehrlich für die Fehlerquellen der Argumentenanalyse.
  5. Hemmings, Jessica; Collin, Chris; Ginsburg Ganz, Jennifer; Lazyan, Marina; Black, Adam (2019). #dkinfografik – Psychologie im Alltag: Wie wir denken, fühlen und handeln. Dorling Kindersley, München.
    Relevanz: Anschauliche Übersicht zu Denkfehlern und Entscheidungsverhalten – Ergänzung und Popularisierung der Bias-Themen.
  6. Burnham, Daniel; Fletcher, Richard; Byrne, David; Szudek, Anna; Talbot, Michael; Webb, David; Weeks, Marcus (2023). SIMPLY. Philosophie. Dorling Kindersley, München.
    Relevanz: Kompakter Überblick zentraler philosophischer Konzepte – liefert Referenzrahmen für Argumenttypen und Ethikbezug.
  7. Bochenski, Joseph Maria (2015). Formale Logik. Verlag Karl Alber, Freiburg/München, 1. Auflage. (Original 1956)
    Relevanz: Klassische Grundlage zur Prüfung formaler Gültigkeit – wichtig für die Deduktionsabschnitte und Terminologie-Konsistenz.
  8. van Stappen, Anselm (2015). Das kleine Übungsheft – Grenzen setzen. Trinity.
    Relevanz: Praktische Selbstführung (Selbstwahrnehmung, Selbstbehauptung) – vertieft die proaktive Haltung jenseits reaktiver „4 C“ und Quelle von Reaktivität und Proaktivität.
  9. Covey, Stephen R. (2018). Die 7 Wege zur Effektivität. Gabal.
    Relevanz: Primärquelle für Reaktivität vs. Proaktivität – liefert die Haltungsbasis für faire, transparente Argumentation.
  10. Levine, Robert (2015). Die große Verführung – Psychologie der Manipulation. Piper.
    Relevanz: Zeigt Manipulationsmechanismen und Framing-Effekte – dient als Gegenfolie zu ethisch verantworteter Anwendung von Methoden.
  11. Hammond, John S.; Keeney, Ralph L.; Raiffa, Howard (2015). Smart Choices: A Practical Guide to Making Better Decisions. Harvard Business Review Press.
    Relevanz: Ursprung des PROACT-Modells – methodische Grundlage der Entscheidungssektion.
  12. Stanford Encyclopedia of Philosophy (2021). Abduction. Edward N. Zalta (Hrsg.). Metaphysics Research Lab, Stanford University. Online verfügbar.
    Relevanz: Umfassender Überblick zur Theorie der Abduktion – vertieft den wissenschaftlichen Hintergrund und ergänzt die didaktische Darstellung durch internationale Forschungsperspektiven. Zugriff am 18. August 2025

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